Platon-Akademie (101): Grundsatzrede Brücks vor der „Vereinigung Rosenheimer Humanisten e.V.“ und Gästen / Auszüge / Gehalten am 8. März 2012 / Themen: Vom Nachweis der Unendlichen Ordnungen bis zur großen humanistischen „Überfrage“

Platon-Akademie, 10. März 2012

Leitgedanke des Vortrags war das „Alles fließt“, Heraklíts Grundgesetz der Wirklichkeit, das über die Unendlichen Ordnungen (s. PM(7)) in die „Große Überfrage“ mündet: Existieren auch wir in den Unendlichen Ordnungen ewig, so wie alle Dinge des Universums? Der Vortrag bereitete das Thema Ethik vor, das der Britische Guardian wohl erstmals mit der Meinung begründete: Es geht auf den Klimakonferenzen um die Neudefinition der Menschheit. Ethik ist indessen ein weit reichendes Sonderkapitel.

Verehrte Humanisten, Sehr geehrte Damen und Herren!
Stellen wir es an den Anfang: Der Humanismus ist immer noch weltweit präsent.
Es gibt einen Deutschen Bundesverband mit 9 Landesverbänden und eine „Internationale Humanistische und Ethische Union“ in 40 Staaten.
Hauptthemen sind die geistige Freiheit sowie einige moderne ethische Probleme. („Einige“, weil die traditionell fixierte und dennoch weltweit uneinheitliche Ethik noch nie wirklich frei verhandelbar war.)
Eher an den Rand gedrängt ist dabei das eigentlich Originale am Humanismus: seine schöpferische Verwurzelung in der Antike.
Diese klassische Komponente ist aber in Rosenheim offenbar noch recht lebendig.
Das hat im Dezember der Vortrag von Herrn Friedel gezeigt, so dass es durchaus bedeutend ist, hier dabei zu sein.

Ich will die Gelegenheit heute nutzen, die Anbindung an die geistige Antike einmal zu bewerten, und zwar am Verhältnis der griechischen Philosophie zur modernen Grundlagenforschung. Beiden schwebt (bzw. schwebte) die uralte Frage vor: Woher kommt die Wirklichkeit? Woher kommen die Naturgesetze, der Mensch inbegriffen?

Die Öffentlichkeit, m.D.u.H., tut so als sei die Antike nur ein großes Museum, das ab 18 Uhr geschlossen ist und an Montagen zu hat. Aber zugleich demonstriert sie uns mit den Olympischen Spielen genau das Gegenteil: Da sind wir nicht nur Zeuge eines Rückblicks, sondern sogar einer Wiedergeburt!
Der römische Kaiser Theodosius I. hat diese Spiele 395 verboten, weil sie ihm zu heidnisch erschienen. Und der Franzose Pierre de Coubertin hat sie 1500 Jahre später, 1895, wieder geöffnet mit der berühmten Begründung: „Deutschland hatte ausgegraben, was vom alten Olympia noch vorhanden war. Warum sollte Frankreich nicht die alte Herrlichkeit wiederherstellen?“

Warum greifen also dann nicht auch unsere Grundlagenforscher, die die geistige Welt aufs heftigste bewegen, auf die ionisch/attische Philosophie zurück? Wissen Sie: Das Thema der Grundlagen-Philosophie ist seit der Steinzeit immer dasselbe: Die Griechen haben es mit „Makro- und Mikrokosmos“ überschrieben, heute heißt es halt „Universum“ und „Elementarteilchen.“
Eigentlich gehen wir noch immer den Pfad, den ein Anaximander, Heraklít, Pythagoras, Anaxagoras, Platon u. viele andere einst angelegt haben.
Nur: Die Forschung distanziert sich in der Neuzeit von der anspruchsvollen Forschungs-Methode der Antike, dem reinen Denken, und zwar bewusst, indem sie sich dem Empirismus verpflichtet.
Der Empirismus behauptet: 'Bloßes Denken ist unfähig, das Wesen der Dinge zu erkennen. Nur die Beobachtung der Einzelheiten der Wirklichkeit führt zum Ziel.'
Ganz klar, das reine Denken hat sich oft verspekuliert. Da wird aber nicht gefragt, ob vielleicht nur der Ansatz falsch war, etwa die Unterschätzung der Zahlen: Falls diese (nach Pythagoras) wirklich das Wesen der Dinge sind – er hatte seine Idee aus der Musik entlehnt – wäre vielleicht die Antike heute voll integriert, Seite an Seite mit den Olympischen Spielen.

Die Erfahrungswissenschaft, liebe Zuhörer, treibt einen unerhört intelligenten technischen Aufwand, um an das Wesen der Dinge ranzukommen. Paradebeispiel ist der weltgrößte Beschleuniger bei CERN. Dieses schmucke 3-Mrd.-Euro-Flaggschiff der Erfahrungswissenschaft sucht ein sog. Higgs-Teilchen, das die bekannten Elementarteilchen, wie es so schön heißt, „erklären“ soll. Sagen wir mal, das Higgs wäre gefunden: Dann wäre die Unbekannte x der Substanz der Welt nur auf eine neue Unbekannte y verschoben. Denn woher kommt das Higgs? Daher hat die Erfahrungswissenschaft lediglich den Zweck, die Welt zu beschreiben, nicht zu erklären.

Den Schlußstrich unter das reine Denken hat eigentlich schon der Byzantinische Kaiser Justinian gezogen. Im Jahr 529 hat er die Athener Akademie geschlossen. Die war das Zentrum des Denkens gewesen. Dort hatte die ionische Philosophie gegipfelt. Dort hatte Platon mit seiner „Ideenlehre“ jenen tiefsinnigen Vorstoß unternommen, der sich erst in den Unendlichen Ordnungen logisch nachvollziehbar bewahrheitet. Ich komme darauf zurück. Und das war es, was dem Kaiser missfallen hat. Der Empirismus war später nur noch der Punkt aufs i von Justinian.

Drei Defizite kennzeichnen die Schwäche der neuzeitlichen Methode.
1. hat schon Kant es als Skandal der Philosophie empfunden, dass – und das gilt bis heute – unbekannt ist, ob unsere äußere Welt, der Raum um uns, überhaupt real existiert oder nur eine Imagination ist!
2. Und ebenso ist völlig unbekannt geblieben, warum der Raum nicht einfach leer ist, sondern von Sternen, Planeten usw. bevölkert, meinetwegen von Higgs-Teilchen: Einstein ist an dieser Frage bis zum Ende seines Lebens gescheitert.
3. ranken sich um den Urknall immer noch fundamentale Ungereimtheiten.

In „Spektrum der Wissenschaft“ 11/2008 hat Hermann Nicolai, Direktor des MPI für Gravitationsforschung, über das „verwirrende Arsenal“ der Ideen geklagt, die um die Messdaten der Physik kreisen. Ich zitiere:
„Trotz aller kollektiven intellektuellen Anstrengungen, die in der Geschichte der Naturwissenschaften ohne Beispiel sind, bleibt . . . nach wie vor völlig ungewiss, von welchen dieser Ideen die Natur letztlich Gebrauch macht – oder ob wir die ‚richtige‘ Idee möglicherweise noch gar nicht hatten.“
Dass die Wochenzeitung DIE ZEIT schon zwei Jahre vorher einen großen Artikel „Aus! Die Physik steckt in der Krise“ geschrieben hatte, sei erwähnt.
Es läge also schon nahe, nach dem berühmten Vorschlag des Pythagoras erst einmal zu schauen, ob das Wesen der Dinge in den Zahlen 1,2,3 … zu finden ist. Das wäre der klassische Weg des reinen Denkens.

Der Empirismus taugt erwiesenermaßen für die gängigen wissenschaftlichen Fragen. Ihn auf die Letzten Fragen anzusetzen, ist m.E. aber nicht der Königsweg. Ich sage das laut, auch wenn mein eigener Ur-Ur-Großvater da von mir enttäuscht wäre: Dieser Anton Theobald Brück, den sie zu den bedeutenden Ärzten des 19. Jh. zählen, glaubte vorbehaltlos, dass Experimente an den vielen Einzeldingen auch die Grundlagen aufdecken könnten. Aber zu seiner Ehre sei gesagt, dass seine Übersetzung des Francis Bacon aus dem Lateinischen die einzige ist, die der wiss. Buchhandel bis heute anbietet.

Wenn mir die Situation der Forschung so bewusst wird, fällt mir immer Kants Empörung ein, dass wir nicht einmal sagen können, ob wir träumen oder wach sind. Dieses Defizit besteht bis heute und ist fatal!
Denn überlegen Sie mal, lb. Zuhörer: Wenn Ihre Außenwelt, der Raum, gar nicht existiert, sondern nur eine Vorstellung in Ihrem Kopf ist, dann sehen Sie mich ja hier nur deshalb stehen, weil Sie mich für möglich halten.

So wenig wissen wir von der Wirklichkeit!
Kein Wunder, dass wir sie nicht im Griff haben, wenn wir sie nicht begreifen.

Jetzt verbucht aber die Neuzeit noch eine Lücke, nämlich ein Versäumnis, das absolut nicht hätte sein müssen.
Es ist der Grund für Kants „Skandal“ und ist somit – wenn man da das grobe Wort Skandal überhaupt gebrauchen soll – der eigentliche Skandal.
Die Grundlagenforschung ist nämlich seit Galilei, seit man experimentiert, seit 400 Jahren, völlig darüber weg gegangen, dass die Zeit eine unbeeinflussbare, selbstbewegte Größe ist, die nie stillsteht. Man rechnet ausschließlich mit festen Uhrzeiten bzw. mit einer Zeitvariablen, die man fest belegen muss.
Was ist da aber passiert, nachdem schon vor 2 500 Jahren der ionische Philosoph Heráklitos, wie Platon und andere berichten, bemerkt hat, dass „alles“ fließt: Panta rhei. Platon formuliert es so: „Panta choréi kai oudén menei“: „Alles bewegt sich, nichts bleibt.“
Was ist das Fließende? Auf den ersten Blick etwas Geheimnisvolles. Das Jetzt. Die Gegenwart. Der Augenblick des Bewusstseins. Von Xenokrátes, dem 2. Nachfolger Platons in der Akademie, wird gesagt, dass er die Seele – eben das Bewusstsein – eine sich selbst(!) bewegende Zahl genannt hat. Das trifft auf die Gegenwart zu.

Die Zeigerspitze definiert die Gegenwart des Bewusstseins, das Zifferblatt ist nur die starre Skala. Mehr möchte ich jetzt nicht darüber erzählen!

Heraklít hat nun nicht etwa gemeint, dass ein bisschen was fließt, sondern alles. Wenn alles fließt, m.D.u.H., beruhen alle Naturgesetze auf dem unwillkürlichen Fließen der Zeit. Heraklit und Platon haben also ein Wort von ungeheurer Tragweite ausgesprochen.
Nimmt man nur feste Zeitpunkte, verliert die Zeit ihr Wesentliches. Die Erforschung der erlebten Wirklichkeit, das ist die Welt, wird von festen Zeitpunkten unausweichlich in die Unwirklichkeit geführt (wie bei einer falschen Wegbeschilderung).
Was ist also passiert, dass man das in der heutigen Physik völlig ignoriert?

Ich habe vor 43 Jahren mit dem Fließen der Zeit zu tun bekommen. Das war so.
Hier am Ignaz-Günther-Gymnasium, das früher Humanistisches Gymnasium hieß, hatte mich in der Schulzeit, so um 1954/55, die Astronomie interessiert. Dabei habe ich etwas vermutet und behauptet, das nicht zu beweisen war. (Was es war, sage ich nachher.) Mit Zeit hatte es auf den ersten Blick nicht das geringste zu tun.
Mein Ziel war es von da an, den Beweis für diese Behauptung zu finden. Darum hab ich nach dem Abitur Jahre lang an der Universität einschlägige Vorlesungen über Mathematik und Physik gehört. Das war hoch interessant, aber dieser Weg hat auf keine Spur des Beweises geführt.
Im Herbst 1969 dann, gerade während der 2. Mondlandung, ist mir gedämmert, dass ich möglicherweise bisher die Zeit falsch berücksichtigt hatte, die ja ständig unwillkürlich weiterfließt, so dass man nie sagen kann, wie spät es genau ist. Ich war auf den alten Heraklit gestoßen.
Was deutlich wurde: Die Zeit ist eine nicht frei verfügbare Variable: schon so etwas wie x oder y, aber unbeeinflussbar. Nur im Augenblick kommt sie, relativ ungenau, mit einer festen Zahl zur Deckung.

Zu meiner großen Überraschung fand sich aber eine Formulierung, ein Axiom, wie der Mathematiker es nennt, so dass es jetzt möglich wurde, mit der fließenden Zeit zu rechnen. Nicht lange, und die ersten Zeichen wurden sichtbar, dass man in den Grundlagen der Physik fast überall fundamental umdenken muss.

Zur selben Zeit hat ein Prof. Herbert Fröhlich – ein aus Deutschland emigrierter Quantenphysiker an der Univ. Liverpool, Mitglied der berühmten Royal Society, 1971 schon im 77. Lebensjahr (heute wäre er viel älter als Johannes Hesters) – hatte in „Bild der Wissenschaft“ geschrieben, die Schwierigkeiten der Grundlagenphysik beruhten vermutlich auf einem falschen Zeitkonzept.

Ich habe ihm geantwortet, ich hätte das richtige Konzept.
Beigefügt hatte ich meine erste Schlussfolgerung. Es war nämlich mit Heraklits Theorem möglich zu zeigen, woher die mysteriöse Quantennatur der Atome stammt.
Fröhlich hat mich deshalb zu einem Gespräch nach Stuttgart eingeladen. Ich erinnere mich an seine Bemerkung dort: „Es ist faszinierend, wie einfach das jetzt kommt.“ Das hat er gesagt mitten in einem Jahrhundert, in dem schon längst kein Physiker mehr das Wort „einfach“ gebrauchen wollte.

Jeder Nichtmathematiker, m.D.u.H., lernt in der Fahrschule die Formel „Geschwindigkeit = km/h“. Die lange unerklärlichen Quanten der Atome verstecken sich in dieser simpelsten aller physik. Gleichungen, deren Entdeckung man Galilei zuschreibt! Statt einer festen Stundenzahl muss man nämlich nur die fließende Zeit
einsetzen, dann ist man sofort im Atom.

Für Fröhlich als Quanten-Spezialisten war des freilich etwas Besonderes, dass Galilei praktisch schon die Quantenphysik vor sich liegen gehabt hatte, ohne sie ahnen zu können.

Das war 1973. Fröhlich hat ja gewusst, dass niemand vorher die Zeit formalisiert hatte. Er hat mich überzeugt, weiterzuarbeiten. Meine ferneren Ergebnisse seien noch zu willkürlich. (Seine Schriftstücke sind im Internet einsehbar.)
Allerdings hat er auch ein Unglück vorausgesagt: „Sie werden damit in ein Wespennest stechen.“
So war es dann auch bald. Denn leider fällt folgenreiches Umdenken einem Philosophen oder Wissenschaftler manchmal eminent schwer.

Unter den von mir dann untersuchten Naturgesetzen hat bis heute keines einen Fall ergeben, der nicht aus Heraklits Theorem folgt. Und alle gehen auf die Zahlen zurück. Bis heute behält Pythagoras recht.

Jetzt klärte sich Kants Frage, ob die Außenwelt, der erlebte Raum, unabhängig von uns real ist oder nicht . . .
M.D.u.H., er ist nicht real.

Soll nämlich der Raum real sein, muss man einen mathematischen Abbildungs-Fehler begehen und muss annehmen, dass es kein Fehler ist. So wird der Raum zur Annahme. Er ist in unserem und aller Tiere Bewusstsein nur ein Bild des Jetzt.
Das einzige, was es gibt, ist die Zeit, zugrunde liegen nicht Raum und Zeit, wie Kant meinte.
Zum Glück hat es keine Folgen für den Alltag, ob wir träumen oder wach sind. Denn dieses Träumen ist nicht kausal so zerrissen, wirkt echter als das gewöhnliche Träumen. Nur für die Philosophie, auch für die von Kant, und insbesondere den Empirismus sind die Folgen erschütternd. Denn letztlich nehmen wir gar nichts um uns wahr!

Außerdem klärt sich mit Heraklit das 2. genannte Defizit: Die Frage, warum der Raum nicht leer ist. Diese
Grundlage wird von dem Zeitaxiom auf elementare Mathematik reduziert. Das ist ein alter philosophischer Wunsch, aber ein spektakulärer. Verärgerte Physiker nennen Einfaches deshalb kurzerhand naiv.

Dann ist da drittens auch noch das Buch „Immer Ärger mit dem Urknall“ von Reinhard Breuer. Das Fließen der Zeit scheint diesen Ärger zu besänftigen, wenigstens soweit ich es untersucht habe.

Wesentliches am Urknall hapert daran, dass am Anfang wegen des Fließens der Zeit nicht der ganze heutige Inhalt des Weltalls vorhanden sein konnte, sondern nur ein einziges H-Atom, was vor 80 Jahren übrigens schon die Physiker P. Jordan und P.M. Dirac vermutet hatten. Große kosmologische Zahlenverhältnisse hatten darauf hingewiesen. Der Inhalt des Universums ist erst anschließend gewachsen. Bis heute hat man die Vermutung von Dirac und Jordan einfach ignoriert!
. . . .
Wie geweissagt: Ich hatte in ein Wespennest gestochen. Das verwirrende Arsenal der offiziellen Ideen – ich erinnere an das Zitat von H. Nicolai – besteht ja aus vielen Annahmen, die nur teilweise übereinstimmen oder evident sind.

Die Ermutigung zum Verfolgen der Zusammenhänge habe ich zwar auch durch den Kernphysiker Prof. Mang in München erfahren, aber selbst zwei renommierte Stimmen haben nichts bewegt.
Dass die Erforschung der Zeit nicht beendet ist und auch noch gar nicht beendet sein kann, reizt zu manchem Versuch, nachzuweisen, dass nicht alles fließt, eben weil eine axiomatisierte Gesamtordnung manche Hypothesen umstößt.

Dazu folgende Geschichte: Ein Quantenphysiker, der die Zeit-Theorie fördern wollte, hat mich plötzlich angerufen und um Verständnis gebeten, dass er die Sache nicht länger mehr unterstützen könne, ihm seien anonym Nachteile angedroht worden, wenn er sich nicht von dieser Sache distanziere.
Wer mehr über derlei lesen möchte: Der Wissenschafts-Historiker Fr. di Trocchio von der Univ. Reggio di Calabria hat mit ähnlichen Vorgängen ein ganzes Buch gefüllt. Sein Titel: NEWTONS KOFFER.
Das Studium eines Faches, verehrte Zuhörer, liefert leider heute keinen Freibrief mehr zur Beurteilung von Nachbarfächern. „Ich bin Physiker“ ist kein Zeugnis mehr für alles. Der Grundlagenforscher kann z.B. meteorologische Vorgänge nicht mehr ausreichend beurteilen, und kein Meteorologe ist auch automatisch gleich Grundlagenforscher.
Sagen wir so: Verstehen kann jeder Fachmann seine Nachbargebiete, aber nicht auch gleich beurteilen.

Durch die Verkrustungen und die Uneinigkeit gewitzigt, habe ich einen ganz anderen Weg eingeschlagen. Ich hab mich von denen getrennt, die nicht die Sache anschauen wollen, und hab dafür über Zeit und andere Dinge Internet-Artikel veröffentlicht. Seit 2009 sind 100 Beiträge erschienen, 2/3 etwa sind dem Zeit-Thema gewidmet. Obwohl Titel wie „Mit dem Winkelraum vom Radius zur Kugel“ praktisch nur für Grundlagenkenner lesbar sind, verzeichnen die Artikel der Platonakademie bisher (Stichtag ist heute) insgesamt 49 454 Besuche. Die Zahl steigt täglich um 50 bis 100 Zugriffe.
Man kann sich also vorstellen, dass in spezialisierten Forscherkreisen das Wiederauftauchen von Heraklits „Alles fließt“ inzwischen wohlbekannt ist.
. . . .
Trotzdem - das ist erstaunlich - wird an allen Universitäten und Instituten über das Versäumnis des richtigen Zeitbegriffes und die Konsequenzen konstant und einhellig geschwiegen.

Über das weltbekannte Problem des Schweigens zu allem Neuen hat 1970 Elisabeth Noelle-Neumann vom Allensbacher Institut für Demoskopie eine angesehene sozialpsychologische Studie veröffentlicht. Sie hat das Phänomen Schweigespirale genannt. Kurz zusammengefasst hat sie festgestellt:
Menschen wollen i.a. ihre Meinung erst äußern, wenn sie glauben, dass eine Mehrheit hinter ihnen steht. Sehen sie nur eine Minderheit auf ihrer Seite, fühlen sie sich der Gefahr ausgesetzt, isoliert zu werden und schweigen. Die größte Gefahr droht naturgemäß, wenn es um beruflichen Status geht. Glaubt die Minderheit aber, die Mehrheit errungen zu haben, dann löst sich die Verkrampfung.

Danach ist abzusehen, dass auch das Schweigen um das Thema Zeit gebrochen wird
. . . .
Heraklíts Gesetz hat 1986 preisgegeben, dass in einer Welt, in der die Zeit fließt, auch Platons Ideenlehre gelten muss.
Platon behauptete, dass unsere Wirklichkeitsgesetze Urbilder haben, die ewig und unveränderlich jenseits des Erfahrbaren existieren. Er hat diese Urbilder Ideen genannt, weil sie für uns nur Vorstellungen sein können: Sie sind „empirisch transzendent“, nicht aber absolut transzendent! D.h. sie lassen sich wenigstens gedanklich erforschen. (Absolut transzendent würde heißen, dass sie sich auch dem Denken widersetzen.) . . . .

Vielleicht führen mehrere Beweiswege zur Ideenlehre. Der Beweis, der mir 1986 gelungen ist, wurzelt in dem Ausgangsproblem von 1955/56. Sie erinnern sich. Zu sagen, was für ein Problem es war, hab ich mir bis jetzt reserviert.
Das Problem lief zwischen 1955 und 1960 immer deutlicher auf die Meinung hinaus, dass die Zahlen das Wesen der Dinge sein müssen – auch Platon nahm später an, die Ideen seien Zahlen – und diese Meinung suggerierte damals, es müsse unendlich viele Universen geben; denn Zahlen sind unendliche Mengen.

Aber damit nicht genug. Wir ordnen ja die Zahlen in Einer, Zehner, Hunderter, Tausender usf., und zum Kleinen hin in Zehntel, Hundertstel u.s.w. Denken Sie ans Geld. Wir benützen das Zehnersystem.

Speziell diejenige Behauptung, deren Beweis gesucht wurde, hatte besagt, dass solche Ordnungen auch für die Universen gelten. Wenn das stimmte, dann symbolisierte ein Zehner z.B. unser Universum und die Einer waren seine Elementarteilchen. Der Hunderter aber war dann ein übergeordnetes Universum, in dem die Zehner die Elementarteilchen waren. Es ordnen sich nach dem Vorbild der Zahlen unendlich viele Universen über einander.“

Hier wurde im Vortrag ergänzt, dass sich in solchen Unendlichen Ordnungen eine Ursachenfolge verbirgt: Die höheren Ordnungen fordern die tieferen, weil diese die höheren ja ermöglichen müssen. Unser Universum wäre in einem solchen System durch die Unendlichkeit absolut verursacht, verwirklicht. Die unbegrenzte Ordnungsfolge der Zahlen und ebenso die hypothetische Universenfolge sind beide per se selbstverständlich. Siehe den Internet-Artikel Nr. 7. Er ist mehr als 800 mal besucht worden.

„Im Herbst 1986 nun lieferten eines Tages die speziellen Gesetze der Zeit für das Proton und das Universum zwei Gleichungen, die sich nicht unterschieden. Proton und Universum standen völlig unterschiedslos neben einander. Sie begegneten sich in den Gleichungen in vollständiger Identität.

Das Proton mit 1/Zehnbillionstel cm Größe musste danach ein Universum sein, aber offenbar von außen gesehen, und das Universum ein Proton, aber von innen gesehen. Das war er, der Beweis! Es war kein Zufall. Das Ergebnis war nach 30 Jahren urplötzlich da. So geht das manchmal.

Die Existenz der Unendlichen Ordnungen der Universen ist dadurch mindestens so gesichert wie unser Wissen, dass alle Sterne rund sind, obwohl wir deren Kugelform nicht direkt sehen können . . . .

Und damit kehren wir zu Platon zurück. Er hatte die Vision, dass von unserer Welt ewige Ideen existieren. Sie sind ihre Urbilder, verursachen also letzten Endes unsere Welt.
Wie auch immer andere Universen nun aussehen mögen: Es gibt unter ihnen nach der Mengenlehre auch eine unendliche Teilmenge von Universen genau unserer Art, und darin natürlich dann auch unendlich viele Planeten wie der unsere einer ist, die Erde. Planeten, die im Augenblick exakt mit unserer Erde identisch sind, bis aufs einzelne Sandkorn in Australien.
Auf diesen Erden existieren dann alle Dinge, die es hier gibt, unendlich oft. Und wenn ich diesen Stab hier nehme
und zerbreche, dann existiert er in unendlich vielen anderen Universen unversehrt weiter. Denn zerbricht er auch dort irgendwo, dann gibt es wieder andere unendlich viele Universen, in denen er exakt so fortexistiert wie er hier eben bei uns noch war. Das folgt aus der Theorie der unendlichen Mengen.

Was unendlich oft existiert, kann nicht untergehen. Platon hatte von den Ideen gesagt, sie seien ewig und unveränderlich.
(Seine Unterscheidung zwischen Einzeldingen und Gattungen will ich hier nicht erklären. Fragen dazu beantworten die Unendlichen Ordnungen mit der Atomistik.)
. . . .

Ich kann mit diesen Voraussetzungen erstmals über die Zukunft des Humanismus sprechen. Mein Anliegen lautet:
Könnte der klassische Humanismus wieder tragendes Fundament eines intellektuellen Welt-Verständnisses sein?

Ich halte die Frage deshalb für wichtig, weil geistige Freiheit und Ethik-Diskussion erst durch die klassische Methode des Denkens begründeten Einfluss nehmen können. Die Ideenlehre Platons bestätigt die Verbindlichkeit der Methode des Denkens.
So eröffnen die Unendlichen Ordnungen und die Ideenlehre die Chance, dem Humanismus das Gewicht zurückzugeben, das ihn einmal in der Welt ausgezeichnet hat.
1996 habe ich – wegen der Ideenlehre – die Wiedereröffnung der Athener Akademie in der Zeitschrift „Antike Welt“ bekannt gemacht, einschließlich Begründung. Daraufhin hat mich ein Philosophie-Historiker der Universität Saarbrücken angerufen: Nur so könne man die Platonakademie wieder öffnen. Das stimmt.
. . . .
Der Humanismus, verehrte Zuhörer, ist aber auf der breiten Basis der Platonischen Lehre nicht meine Privat-Angelegenheit. Diese Dinge sind ein Gemeingut. Ich stelle das Gesagte deshalb Ihrer Diskussion zur Verfügung.
. . . .
Die Unendlichen Ordnungen als Ideenreich werfen die größte humanistische Frage überhaupt auf:
Wie steht es um unsere persönliche ewige Existenz in den Unendlichen Ordnungen? Verbringen auch wir, genauer gesagt: verbringt auch das Ich so wie der Stab die Ewigkeit in der Unendlichkeit? Und wenn ja, wie?

Ich nenne das die „Große humanistische Überfrage“. Grundlegendes darüber ist geklärt, aber über die noch offenen Feinheiten muss ein Urteil noch gefunden werden.“

Der Schluss der Rede bot dann einen Überblick über die Themen des Humanismus und wird in dieser PM(101) folgendermaßen zusammengefasst:

„Es geht, wie meine Internet-Artikel für die Platonakademie zeigen, um die Durchleuchtung der Massengesellschaft und ihrer ewigen Krisen, die Platon mit seinem STAAT zweifellos angesprochen hat, und um die vom Britischen Guardian geäußerte Meinung: Auf den Klimakonferenzen geht es nicht eigentlich um das Klima, sondern um die Neudefinition der Menschheit.

Gegen die Neudefinition der Menschheit sträubt sich mit aller Macht jede Regierung. Aber fortgesetztes Ausweichen vor dem Denken wird unseren Verfall, den wir bei seiner Langsamkeit übersehen, rund um den Globus beschleunigen: Von der Ausbreitung der Wüsten bis zur Zerrüttung der Demokratien. Nur wer von Vorurteilen narkotisiert ist oder vergesslich, hat da wenig Wahrnehmung.
Neudefinition der Menschheit meint im Prinzip natürlich Nachdenken über die Ethik, denn die Zerstörung der Erde, die fatal- gleichgültige Einstellung zu Tier und Natur und die giftige Feindschaft der Dogmatismen gegen alles, unterstreicht, dass an unseren Werten Grundsätzliches nicht stimmt.

Ich gebe Ihnen eine Anregung mit auf den Heimweg. Sie stammt von Heraklít und klingt auf Griechisch so:
Me eiké perí ton megiston symballómetha:
„Nicht oberflächlich wollen wir das Größte beurteilen“
- und bedanke mich für das interessierte Zuhören."

(Im Nachtrag zur Veranstaltung wurde besprochen, ob man die Platon-Dialoge, das sind die Diskussionen an der antiken Platonakademie, die uns überliefert sind, wieder fortführen kann. Sie würden in Stephanskirchen stattfinden, 14-tägig an Samstag- oder Freitagnachmittagen. Es würde sich (der vielen Themen wegen) um eine Serie handeln. Damit Sachinteresse nachgewiesen ist, wären pro Person und Veranstaltung 10 Euro Teilnahme-Beitrag vorgesehen. Den Gesprächen würde durch Tee (ohne Zusatzkosten) eine persönliche Note gegeben. Die Höchstzahl der Teilnehmer läge bei plus/minus sechs. Mindestzahl vier.)

Firmenportrait:
Die 1995 erneuerte Platon-Akademie (PA) versteht sich als Fortsetzung und Abschluss der antiken. Es geht ihr aber nicht um die Fortsetzung der spekulativen Philosophie Platons, auch Textkritik ist die Ausnahme. Sie versucht, im naturwissenschaftlich widerspruchsfreien Konsens die richtige Antwort auf die von Platon gestellten Fragen nach der letzten Ursache der Naturgesetze und nach der Gesellschaftsordnung zu finden. Sie wurde 529 von der Kirche geschlossen.

Leitung: Anton Franz Rüdiger Brück, geb. 1938, Staatsangeh. Deutsch. Humanistisches Gymnasium. Hochschulstudien: Physik, Mathematik, Pädagogik, Philosophie. Ausgeübter Beruf: Bis 2000 Lehrer im Staatsdienst.
Tel. 08036 / 90 81 10 und Mail: platonakademie(at)aol.de