Platon-Akademie (102): Widerstand gegen biologisches Menschenbild historisch / Mehrheit emotional aufgeheizt / Kompromiss für die Sonderstellung des Menschen: Nicht mehr Diktator, sondern erstes Mitglied („Anthropoprotismus“) / Ergänzt am 18.3.2012

Platon-Akademie, 17. März 2012

Im 19. Jh. sickert mit Darwin, Haeckel, Möbius u.a. nach und nach durch, dass auch Tiere sozial leben. Der Mensch, seit alters gewöhnt, einziges Zoon politión zu sein, reagiert emotional: Seine traditionelle Verachtung des Tieres kommt in Gefahr (PM(97)). Im 20 Jh. bricht daher die größte Werteverwirrung der Geschichte aus. Verwünschungen gegen Darwin und andere Biologen häufen sich. Hatte sich doch schon Rousseau unsterblich blamiert. „Biologismus“, „Ökodiktatur“, „Biospinnerei“ u.ä. sind die heute zu hörenden Stigmatismen.

In dieser violetten Morgendämmerung der Ökologie spaltet sich der Bildungskanon endgültig in zwei Lager. Von traditioneller Seite werden Evolution und Verhaltensphysiologie so weit relativiert, dass die Definition des Menschen als über-biologisches Wesen zumindest rhetorisch bestehen bleiben kann. Indessen schafft die Biologie, insbesondere die Verhaltensforschung Fakten, nicht Dogmen.

Der Naturwissenschaft stemmen sich im 20. Jh. mit aller Macht die sog. Geisteswissenschaften entgegen: Ihnen gilt die Erforschung biologischer Naturgesetze als geistlos-kalt, weil sie logisch vorgeht und gefühlten Argumenten keinen Raum lässt. Ignoriert wird indes, dass Wissenschaft generell Geistesarbeit ist, sogar besonders dann, wenn die Logik die erste Rolle spielt. Ignoriert wird, dass Platon, das große Vorbild der Geisteswissenschaft, seine scheinbar der Realität enthobene Ideenlehre sehr wohl als logische Grundlagenwissenschaft der physikalisch/biologischen Wirklichkeit verstanden sehen wollte (Genaueres darüber in PM(101). Die Ideenlehre sollte kein Phantasiegebilde werden. Freilich musste sie das bleiben, solange die unendlichen Universenordnungen nicht nachgewiesen waren (PM(101) und (7)).

Für den seit je von willkürlicher Freiheit berauschten Homo Sapiens, der sogar den Fluss der Zeit ignoriert, weil er ihn nicht manipulieren kann (z.B. PM(100)), und die Ökologie verachtet, weil sie hemmungsloses Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum kritisiert (PM(97)), für dieses Wesen bleibt „Natur“ so inakzeptabel wie zu Rousseaus Zeit, der zweifelsfrei der Vordenker der Ökologie war. Besonders in Humanpsychologie und Soziologie, die nicht als Naturwissenschaften gelten, ist Natur, genetisches Erbe, Abstammungs-Wissenschaft ein völlig unterernährter Begriff. Allenfalls in der Kunst darf sich das Weltbild frei entwickeln.

Erst gegen Ende des 20 Jh. fängt dann der Widerstand gegen die Tatsachen zu bröckeln an, zunächst indem sich die konservative Politik mit dem Wort „Öko“ schmückt, ohne für die Ökologie innerlich eintreten zu wollen. Nicht einmal die Schein-Toleranz vermöchte heute zu bestehen, wenn da nicht der Klimawandel allzu drastisch bewusst machen würde, dass traditionelle Willkür den Planeten in eine rauchende, stinkende Kugel verwandelt hat.

Es ist eine katastrophale Beschämung, dass man leider eben doch auf Rousseau zugehen muss, und mancher verzweifelt daran. Die Mehrheit in Politik und einigen Geisteswissenschaften will festhalten an Mythen und Dogmen, die das willkürliche Handeln der Menschheit definiert haben. Sie will vor allem nicht das Privileg abtreten (vgl. PM(52)), über andere Lebewesen nach Willkür zu verfügen, ihre Gene zu verändern, ihre Lebensräume auszubeuten, obwohl längst erwiesen ist, dass viel Althergebrachtes einfach nicht stimmt und dass man aus nichtbiologischen Anthropologien höchstens noch für historische Rückblicke zitieren kann.

Die Kopernikanische Wende stellte einst nichts weiter in Frage als den Sitz der Menschheit im Zentrum der Welt. Sie initiierte bereits mit dieser Bagatelle die Verurteilung von Millionen, die aus freierem Denkens heraus als Hexen und Teufel verbannt werden durften. Während nach moderner ethischer Auffassung niemand Völkermorde je vergessen soll, darf dieser dogmatisch abgesegnete aus dem Bewusstsein verdrängt werden ; eine Folge der Werte- und Begriffsverwirrung.

Heute geht es um mehr als nur um den Wohnsitz der Menschheit: Die mythisch-dogmatische Weltauffassung will nicht Bescheidenheit pflegen in der Einsicht, dass Religionen immer dort anfechtbar werden, wo sie harten Naturgesetzen widersprechen. Von dieser Kollision kommt ihr Verfall. Da ein Gottesbeweis, weil er nicht möglich ist, generell fehlt, kann Religion nur als verinnerlichte Empfindung unangefochten weiterbestehen. Sie tut gut daran, nicht aus dieser Empfindung heraus Fakten verändern zu wollen. Die Formel für die Rechtfertigung eines Theismus lautet heute: Verinnerlichung statt Missionierung. Oder: Vergeistigung statt Verweltlichung.
Schöner wäre es freilich auf der Welt, wenn eine Religion unbestritten das Sagen hätte. Dann wäre die ökologische Gefahr nur Blendwerk. Ein Gott würde es gewiss richten. Die mythische Weltanschauung war immerhin ein bewundernswerter Versuch, die Welt vollständig zu erklären und in Ordnung zu bringen, aber faktisch steht sie in der Wirklichkeit hermetisch isoliert da. Ihr Anrennen gegen Tatsachen, die das Biologische im Menschen bestimmen (vgl. PM(70)) ist leider aussichtslos.

Schlussfolgerungen.
Die Sonderstellung des Menschen in der Biosphäre bedarf der Differenzierung. Individuum „Mensch“ und Bevölkerung „Menschheit“ sind begrifflich sauber von einander zu trennen. Der Homo Sapiens ist sehr wohl das höchstentwickelte Wesen überhaupt. Aber er ist gegenwärtig noch immer nicht imstande, sich als solches darzustellen. Seine Übervermehrung, seine Massengesellschaften (PM(18), (62), (63)) kann er nicht in brauchbare Lebenspraxis umsetzen (vgl. auch PM (97)). Für deutschen Lebensstandard etwa würde die Menschheit inzwischen 3 Planeten benötigen!

Verbessern kann der Homo Sapiens die Lebensgesetze nicht, die ihm die Komplexität der Biosphäre evolutionär konstruiert hat (PM(99)). Verändert er sie, werden sie gestört. Er kann sie nur optimal sortieren. An die Stelle des privilegien-orientierten Anthropozentrismus muss eine naturwissenschaftlich verträgliche Einschätzung treten, etwa so etwas wie Anthropo„protismus“: Dabei ist die Rede von dem „mit dem Ersten Preis (= proteíon) ausgestatteten Wesen“. Ein Erster Preis verleiht Ansehen ohne Vorrechte; nicht Herrschaftsrechte teilt er aus, sondern Mitgliedsrechte in der Welt.

Firmenportrait:
Die 1995 erneuerte Platon-Akademie (PA) versteht sich als Fortsetzung und Abschluss der antiken. Es geht ihr aber nicht um die Fortsetzung der spekulativen Philosophie Platons, auch Textkritik ist die Ausnahme. Sie versucht, im naturwissenschaftlich widerspruchsfreien Konsens die richtige Antwort auf die von Platon gestellten Fragen nach der letzten Ursache der Naturgesetze und nach der Gesellschaftsordnung zu finden. Sie wurde 529 von der Kirche geschlossen.
Leitung: Anton Franz Rüdiger Brück, geb. 1938, Staatsangeh. Deutsch. Humanistisches Gymnasium. Hochschulstudien: Physik, Mathematik, Pädagogik, Philosophie. Ausgeübter Beruf: Bis 2000 Lehrer im Staatsdienst.
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