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Platonakademie (240). Irenäus Eibl-Eibesfeldt: „Der vorprogrammierte Mensch“: Genetisch gespeicherte Werteprogramme / Die Spuren der Altsteinzeit im menschlichen Verhalten sind wichtiger Teil der Aufklärung / (Stilistische Korr. am 16.2.2019

Platon-Akademie, 18. Januar 2019

Wissen statt Glauben - das Thema der Aufklärung - ist das nützlichste Ergebnis der TFZ. Denn weil die Zeittheorie neben der Selbstverursachung der Welt auch die Natur von Platons „Ideenreich“ exakt auf natürliche Zahlen zurückführen kann, ist die sagenumwobene, unendliche Transzendenz womöglich nur die Kombination dieser beiden Konsequenzen (siehe die Abschnitte VI und VII in PM(239)), und unterm Strich wird dadurch die biologische Verhaltensforschung zur zuverlässigen Psychologie. Aus der Geisteswissenschaft Psychologie wird Naturwissenschaft. „Geisteswissenschaftliche“ Annahmen aus der Bronzezeit werden bedeutungslos.

Insbesondere I. Eibl-Eibesfeldts Werke DIE BIOLOGIE DES MENSCHLICHEN VERHALTENS und DER VOFRPRORAMMIERTE MENSCH enthalten empirische Fakten für eine in sich widerspruchsfreie naturwissenschaftlichen Theorie der menschlichen Psyche. Deren Widerspruchsfreiheit wächst mit der Zahl der sich ergänzenden Erfahrungsfakten.

Schwere Probleme weckt die Kontroverse Wissen gegen Glauben dort, wo es um Religion geht. Religion im üblichen Sinne ist Absprache, Vereinbarung. Man kämpft daher buchstäblich bis aufs Messer, und falls man dies nicht mehr tut, haben Religionen ihre Identität verloren.

Die große Mehrheit der Gläubigen benützt Begriffe wie „biologistisch“, „materialistisch“, „rationalistisch“ hinter vorgehaltener Hand als Spott auf die Fakten der Forschung. Ein theologisch orientierter Psychotherapeut - der Name muss nicht zitiert werden - hatte vor vielen Jahren ein entmutigendes Zusammentreffen mit Eibl-Eibesfeldt: „Er hat geredet und geredet und geredet … ich hab ihn einfach reden lassen.“

Es gibt jedoch auch, vor allem wenn es um den Begriff Schönheit geht, völkerübergreifend anerkannte Werteordnungen, die nie einer Absprache bedurften. Wir schauen uns das einmal genauer an. Denn sie enthalten die Elemente des heutigen menschlichen Sozialverhaltens.

Warum z. B. dekorieren Menschen allgemein ihre Wohnungen gern mit Zimmerpflanzen und Blumensträußen? Sie hängen Gemälde von Blumen und schönen Landschaften auf, wählen Möbel und bunte Teppiche nach Geschmack, haben auch Freude an Lampenschirmen mit Blumen und grünen Blättern, sogar an Papageien und Kanarienvögeln. Ein Teich vor dem Haus mit Vogelgesang und Schmetterlingen wirkt auf die meisten Menschen anmutend.

Noch mehr als dies fallen aber die Urlaubsziele ins Auge. Die ganz große Mehrheit bricht im Urlaub nach Süden auf statt nach Norden. Sprechen sie das ab? Man nimmt stundenlange Autobahnstaus auf sich und gibt Unmengen Geld aus, um eine Ferienwohnung unter wolkenlosem Himmel am Palmenstrand zu bekommen. Wären wir dagegen Nachkommen von Eisbären, umgäben wir uns leidenschaftlich mit Wänden aus Eisblöcken, ohne Zimmerpflanzen, versteht sich. Die größten Hotels stünden in Spitzbergen, Franz-Josefs-Land, auf der Wrangel-Insel - selbstverständlich ungeheizt.

Wenn global Schönes und Wertvolles keiner Absprache bedarf, dann beruht es mit äußerst hoher Wahrscheinlichkeit auf allgemein-menschlichen, wie gesagt vorprogrammierten Werten.

Das läuft auf die Vorstellung hinaus, dass Völker, die sich über Werte und Schönheit einig sind, vor langer Zeit eng zusammen waren und heute Verwandtschaftsmerkmal zeigen (Beispiele: PM(181) bis (183)). Dann sind viele heutige Motive nichts anderes als das Bewusstwerden von Erinnerungen an ferne Vergangenheit.

Feststeht, dass unsere Vorfahren über Millionen Jahre hinweg in sonnenreichen südlichen Landschaften lebten. Waldungen an Seen mit vielfältiger Vegetation und Tierwelt charakterisierten den Lebensraum, bevor sie eines Tages, vor plus/minus 70000 Jahren, plötzlich nach Europa aufbrachen. Naheliegender Grund für den Aufbruch war nicht die Schlafkrankheit - die führte der Urmensch wohl kaum auf die Tsetsefliege zurück - sondern eine allmähliche Nahrungsverknappung. Der Besitz von Waffen hatte die Überlebenschancen des Urmenschen immens gesteigert und automatisch ein Bevölkerungswachstum verursacht Dieses schmälerte die Ernährungsgrundlagen.

Kaum im Norden sesshaft geworden, wurden die optimistischen Einwanderer dann von der brutalen Würm-Eiszeit überrascht. 50 Jahrtausende dauerte sie!

Es gibt tatsächlich neben dem Hunger nach Sonne und Wärme noch einen zweiten Motiv-Komplex („Kosmma“, s. PM(68)), den unser Genom anscheinend während der Eiszeit programmierte: Je mehr Eis und Schnee kommt, desto größer ist heute die spontane Lebhaftigkeit (nur die spontane natürlich). Kinder begeistern sich an Schneeballschlachten, Erwachsene an Skitouren, so als gäbe es nie etwas Schöneres. Die Deutung: Bei Kälteeinbrüchen in der Eiszeit hing alles vom gesteigerten Lebenswillen ab. Er war nötig für die zielbewusste Nahrungssuche im Eis, die Jagd im Schnee, den Bau von Iglus.

Die Mehrheit, die bekanntlich den Menschen als edelsteinfunkelnde Krone des Weltganzen versteht und mit der Natur nichts zu tun haben will, verdankt Schönheit nicht der Molekularbiologie, sondern dem - was immer das sein mag - „Geist“. Diese Mehrheit steht vor dem Rätsel, warum in der Eiszeit statt der verwöhnten Neuankömmlinge ausgerechnet die Neandertaler ausstarben, die immerhin die Rieß-Eiszeit überlebt hatten.

Vorurteilslos betrachtet spricht alles dafür, dass diese wahren Ureinwohner zur Jagdbeute für die hungernden Einwanderer wurden. Im Artikel PM(237) wurde schon angedeutet, dass die böse Hungersnot in der Ukraine vor dem 2. Weltkrieg, der sog. Holodomor, wahrscheinlich zum Kannibalismus geführt hat. Der ukrainische Historiker Rostyslav Martyniuk sieht das aufgrund der Aussage von noch lebenden Zeitzeugen. Geistlosen Kannibalismus in vorgeschichtlicher Zeit anzunehmen, ist im Übrigen nicht abwegig. Noch James Cook begegnete, als er Neuseeland betrat, einem Einwohner, der gerade einen Menschenarm verzehrte.
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Portrait der Platonakademie. Die 1995 von Anton Franz Rüdiger Brück erneuerte Platon-Akademie (PA) versteht sich als Fortsetzung und Abschluss der antiken. Sie versucht, im naturwissenschaftlich widerspruchsfreien Konsens die richtige Antwort auf die von Platon gestellten Fragen nach der Herkunft der Naturgesetze und nach der besten Gesellschaftsform zu finden. Vor allem ist sie als Internet-Akademie aktiv. Sie strebt keinen juristischen Status an (Verein etc.). Die PA wurde 529 von der Kirche aus weltanschaulicher Konkurrenz verboten.
A. Fr. R. Brück, geb. 1938, ist Autor dieser Artikel. Staatsangehörigkeit Deutsch, Humanistisches Gymnasium. Hochschulstudien: Physik, Mathematik, Pädagogik, Philosophie. Ausgeübter Beruf: Bis 2000 Lehrer im Staatsdienst. Zuschriften bitte per Post an: s. Impressum in platonakademie.de


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