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Platonakademie (246): Nicht wie und wo Kinder missbraucht werden, ist Brennpunkt des Problems, sondern warum / Sigmund Freuds Tag ist gekommen / Übersetzung des Platon-Textes über die Weisheit in der Sexualität / Kl. Korr. am 2.5.19

Platon-Akademie, 15. April 2019

Gäbe es wirklich zwingende Vorbehalte gegen die seelischen Werte des Liebesspiels (des einvernehmlichen, natürlich), dann müsste jedermann die Schönheit seines Lebens für einen Trug halten. Denn dem Liebesspiel samt Zeugungsakt verdankt er seine Existenz, kurz alles, was ihm angeboren ist. Das Übertragen des männlichen Samens, der die kostbarste Substanz des Universums ist, ist also schwerlich etwas Schändliches.

I. Die Situation
und die Beweislage

Das Christentum spricht gegen den ästhetischen Wert der sexuellen Spiele fundamentale Vorbehalte aus. Der Verzicht auf das Zusammenleben mit einer Frau, genannt Zölibat, dient als Aushängeschild für das Befreit-Sein von den offenbar minderwertigen sexuellen Wünschen und Erlebnissen. Dieser Zölibat wurde erstmals um 305 n. Chr. beschlossen. Gegründet ist er auf den grotesken Glaubensgrundsatz, der Mensch, obwohl von Natur zweigeschlechtlich, erreiche sein höchstes Niveau in der „unbefleckten“ Empfängnis. Der Keuschheit der Mutter Gottes sind nicht weniger als 9 Maria-Tage im Jahr gewidmet!

Mit Weltverständnis wie diesem wird der christliche Glaube nicht fortbestehen. Sein Zerfall findet längst öffentlich statt. Es sind nicht nur viele der Kirchenaustritte auf die Verachtung der natürlichen Fortpflanzung zurückzuführen, vielmehr gilt längst offiziell das Liebesspiel im Privatleben - ganz entgegen der kirchlichen Lehre - als „schönste Sache der Welt“. Und kein Kalender listet mehr Namenstage mit den Namen von Heiligen auf, die früher dafür zu sorgen hatten, dass Geburts-Tage nicht an die Schande des Zeugungsvorgangs erinnern. Noch vor sechzig Jahren war es im bürgerlichen Milieu verpönt, überhaupt das Wort Geburt in den Mund zu nehmen, weil es an die Paarung erinnern könnte.

Wir können, um das Glaubenschaos (logisch) zu ordnen, nur auf die Tatsache verweisen, dass sich die Gesamt-Welt, alles was existiert, einschließlich aller ihrer Inhalte, ununterbrochen selbst verursacht, und zwar vollständig und in jedem Augenblick (behandelt PM(243). Diese Selbstverursachung entspricht genau der der Zahlen, wo der Hunderter selbstredend 10 Zehnern Existenz gibt und seinerseits aus der Existenz des Tausenders folgt usw. Das ist schon einem Schüler begreiflich, und die Universen sind genauso geordnet wie die Zahlen. Ein Ergebnis der TFZ. In Rechnung stellen muss man den Fundamentalsatz in PM(113).

Aus der Selbst-Verständlichkeit der Welt folgt: Etwas „Außer“weltliches, eine Macht z.B., die mit Geboten religiöse Vorbehalte über unser Dasein bringt, gibt es nicht, weil eine solche Macht ebenfalls Bestandteil der Welt wäre und damit eine Erscheinung in den Universen. Die gesamte Soziologie des menschlichen Privatlebens wird so, wie in PM(240) schon besprochen, durch die über geologische Zeiträume hinweg genetisch erprobten molekularbiologischen Mechanismen definiert. In der nachfolgenden PM(247) soll die angeborene Struktur der Familie so weit rekonstruiert werden wie es möglich ist.

II. Die meistgefürchtete Frage
an die Kardinäle

Kinder sind sexuell unreif und strahlen von Natur keine erotischen Reize aus. Es muss erst ein besonderes Motiv hervorgezüchtet werden, das dazu verleitet, mit ihnen sexuell umzugehen. Seit Freud ist dieses Motiv im Grundsatz bekannt und man muss die Kardinäle fragen: Warum lasst ihr in die Aufarbeitung eures Missbrauchsproblems nicht einfließen, dass kulturelle Verdrängung der Sexualität zu perversem Verhalten führt? Durch die Verdrängung werden Motive wie die Lust auf Kinder gezüchtet. Menschen brechen wie ausgehungert aus dem Gefängnis der heiligen Keuschheit aus - genauso wie auch aus der erzieherisch gewaltsam verordneten Abstinenz - und verfallen oft ohne Selbstkritik auf den Drang, ersatzweise wehrlose Kinder zu missbrauchen oder Frauen zu begrabschen und zu vergewaltigen.

Es gäbe der Religion jedoch keinen Funken Glaubwürdigkeit zurück, wenn sie angesichts ihrer Konflikte nun mit einer Wende um 180 Grad doch noch den Hass auf den Eros aufgeben und den Erzfeind Platon wieder anerkennen wollte.

III. Die Übersetzung von Platons
Text über die Schönheit der sexuellen Paarung

Werfen wir den Blick jetzt auf Platons SYMPOSION, das vollständig überliefert ist. Der Philosoph, volksbekannt, wurde 529 geächtet, u.a. weil er sexuelles Erleben mit Welterkenntnis verbunden hatte, ein Gedanke, der sogar, wenn auch nur sehr andeutungshaft, den Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika DEUS CARITAS EST beschäftigte.

Platon lässt die Priesterin Diotíma in einem fiktiven Gespräch mit Sokrates erläutern, dass Körper und Seele, Ästhetik und Unsterblichkeit in der Sexualität vereinigt sind. Das Ganze heißt Erotik. Die sichtbar schöne Gestalt des Partners sei dazu da, die Freude an Liebesspielen zu wecken, welche die Begeisterung für das Wesentliche der Liebe animieren: das Erschauen der Seele.

Diotima verbindet diese wunderbare Erkenntnis mit dem Gott Eros. Er ist nicht einfach nur Gott der Schönheit, sondern Gott der „Zeugung in der Schönheit“. Allgemein versinnbildlicht er die Fortpflanzung es Ichs. Er wurde allerdings von dem damals schon rational ausgerichteten Nachdenken nur noch als mythische Gottesfigur aufgefasst.

Die Griechen haben die optische Schönheit, vor allem der Aphrodite, immer wieder derart kunstvoll in Marmor gemeißelt, dass das Seelische Geltung erlangte. Gegner des sexuellen Begehrens - wahrscheinlich Christen - interpretierten dann später die Hauptrolle der Seele so, dass der Eindruck entstand, Platon habe die Seele gewürdigt, die Paarung aber verachtet. Daher fälschlich „Platonische Liebe“ als keusche Liebe. Wutfanatiker gingen folglich auf die verführerische Schönheit der Skulpturen mit dem Hammer los. Sie schlugen ihnen ins Gesicht, damit der Kopf rückwärts herunterfiel. In Museen sind die zerschlagenen Nasen zu sehen. Viele Skulpturen soll man im Tiber versenkt haben.

Das Verbot der Akademie fiel in die römische Spätzeit, als das Christentum erstarkt war und der Kaiser Theodosius auch die Olympischen Spiele verbot, weil dort die Griechen die Wettkämpfe nackt austrugen. Diese Einstellung ist keineswegs vorbei. Noch heute dürfen Liebesfilme nackte Menschen nur von hinten zeigen.

Platons Beschreibung des Niveaus von Liebesspielen im SYMPOSION sollte jeder kennen. Man findet die wichtigste Stelle im Gespräch zwischen Sokrates und Diotima in der Tusculum-Ausgabe 1969 auf S. 96 ff. Ich übersetze sie hier noch einmal neu, und zwar mit Blick auf die Übersetzung von Boll und Buchwald (BB). Dort erscheint mir stellenweise nicht klar zu werden, ob Trächtigkeit Samen-Trächtigkeit oder Embryo-Trächtigkeit meint. Daher stütze ich die Wortbedeutungen auf Angaben von Wilhelm Gemoll (G) und Franz Passow (P).

Platon legt Diotima folgende Worte in den Mund:

„Fruchtbar sind alle Menschen an Körper und Seele, und wenn sie gereift sind, möchte ihre Natur Leben erzeugen. Das gelingt durch die Vereinigung von Mann und Frau, die Fortpflanzung. Allerdings … nicht im Hässlichen, sondern … nur im Schönen. Es ist eine göttliche Sache. Das Göttliche besteht in Zeugung und Geburt (BB) und macht die im sterblichen Wesen verborgene Unsterblichkeit sichtbar (BB). Das kann unmöglich in Disharmonie geschehen … Wenn sich also der aufgeschwellte (BB) Samenspender vorwärtsdrängend in das Schöne versenkt (G), wächst seine Freude und zerfließt er in Lust und pflanzt sich durch die Zeugung fort (BB) … So widerfährt dem, der in der Frau ist (P: kyísko = kýo = bespringen) und sich bereits nicht mehr in Schranken halten kann vor Lust (P, G), viel Leidenschaft gegenüber dem Schönen, eine Leidenschaft, welche den Umarmenden schließlich von der unerträglichen Lust (odís) erlöst.“

Der Zusammenhang zwingt uns, unter odís (= eigentlich Geburtsschmerz) hier eine besondere Art Schmerz zu verstehen. Sie hat offenbar alle Eigenschaften des Schmerzes, nur ist unüblicherweise das Vorzeichen positiv, denn dieser Schmerz soll ja schön sein und gewünscht werden, weil sonst, wenn er hässlich wäre, die Zeugung nicht zustande käme und auch die gestaltliche Schönheit ihren Sinn verlöre. Mit dieser Besonderheit tritt also - das hat Platon erkannt - der Samengeburts-Schmerz odís auf. Man will von ihm dann unbewusst genauso wieder befreit werden, wie es zum üblichen Geburtsschmerz gehört. (P geht nicht weiter als zu sagen, odís bedeute „jeden heftigen, der Geburtswehe ähnlichen Schmerz“.)

Aus dem Ganzen geht hervor, dass die Griechen der Antike genauer nachdachten als man es später jemals wieder für nötig hielt, als die schablonenartige religio der Vorgeschichte zurückgekehrt war.
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Portrait der Platonakademie. Die 1995 von Anton Franz Rüdiger Brück erneuerte Platon-Akademie (PA) versteht sich als Fortsetzung und Abschluss der antiken. Sie versucht, im naturwissenschaftlich widerspruchsfreien Konsens die richtige Antwort auf die von Platon gestellten Fragen nach der Herkunft der Naturgesetze und nach der besten Gesellschaftsform zu finden. Vor allem ist sie als Internet-Akademie aktiv. Sie strebt keinen juristischen Status an (Verein etc.). Die PA wurde 529 von der Kirche aus weltanschaulicher Konkurrenz verboten.
A. Fr. R. Brück, geb. 1938, ist Autor dieser Artikel. Staatsangehörigkeit Deutsch, Humanistisches Gymnasium. Hochschulstudien: Physik, Mathematik, Philosophie, Pädagogik. Ausgeübter Beruf: Bis 2000 Lehrer im Staatsdienst. Zuschriften bitte per Post an: s. Impressum in platonakademie.de


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