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Platonakademie (247) Das Kriterium für die Größe der Urfamilie / Vom Glauben, die Menschheit habe mit der Natur nichts zu tun / Ovids goldenes Zeitalter / Kurze Präzisierungen am 15.4.19

Platon-Akademie, 14. Mai 2019

Falls es ein Kriterium für eine optimale Mitgliederzahl der auf engem Raum zusammenlebenden Familie (Privatsphäre) gibt, dann muss diese Zahl ihren Grund im Verhalten der Mitglieder haben. Ist die optimale Größe der Privatsphäre weltweit in etwa dieselbe, scheint sie nicht vereinbart zu sein, sondern als Komplex im Genom vorprogrammiert (vgl. Eibl-Eibesfeldt, DER VORPROGAMMIERTE MENSCH in PM(240)).

Das Kriterium gibt es. Die PA nennt es „Schulklassenkriterium“: Der Lehrer vermag in seiner Klasse die persönlichen Interessen jedes einzelnen Schülers, ebenso wie seine Bereitschaft, sich sozial einzufügen, nur so lange zuverlässig einzuschätzen, als die Klassenstärke im Mittel die Zahl 20 nicht wesentlich überschreitet. Je größer sie wird, desto schwerer ist in der Klasse ein Chaos zu unterdrücken. Eine Gemeinschaft von über 20 Mitgliedern kann allmählich nur noch mit Gewalt stabilisiert werden.

Wenn die Mitglieder sich scheuen, wesentlich mehr als 20 zu sein, ist das so ähnlich wie bei der Katze, die das Wasser scheut, weil sie einst ein Wüstentier war. Das konstante genetische Programm ist dann sehr alt. Die Familie geht, wenn man genauer analysiert, auf die Urfamilie während der Altsteinzeit zurück, als die mittlere Größe 20 Jahrhunderttausende lang anscheinend vom konstanten Waffengebrauch abhing und daher ebenfalls konstant blieb.

An Hand der Technik der Nahrungsbeschaffung in jener Ära, und anderen Bedingungen, lässt sich aus der Größe wiederum auf die natürlichen Geschlechterrollen schließen, und ebenso auf das mit dem Menschen verwurzelte erotische Leben. Aber erst die oft besprochene Selbstverursachung des Weltganzen (s. PM(243)) ermöglich dieses Modell. Der Fundamentalsatz in PM(113) besagt, dass alles, was existiert, zu der auf der Basis des metrischen Raumes verursachten Gesamtwelt gehören muss, den UO, dass es also nicht auch noch eine Existenz außerhalb gibt.

Als Teil dieses Weltganzen unterliegt dann der Mensch - speziell seine Motive - der komplexen*) molekularbiologischen Natur. Die Naturgesetze sind führend. Seine Motive können insbesondere nicht „umgelernt“ oder gelöscht werden. Neues Verhalten lernen, kann nur entweder durch Verstärkung bzw. Verdrängung angeborener Motive oder durch bestimmte erzieherische Verknüpfung mehrerer Motiven gelingen. Zur Motivtheorie siehe den PA-Beitrag KOSMMA („Komplex Störungsmotivierter Multipler Ausgleich“) in PM(68).

Mit biblischen Vorstellungen deckt sich das nicht. Der Mensch hat nach originalem Glauben mit der Natur nichts zu tun hat. Diese eigentliche „Verfassung“ des christlichen Glaubens ist tief ins Bewusstsein eingeprägt, manchmal so tief, dass selbst wissenschaftliche Forschung davon irregeführt wird. Der originale Glaube lehrt, den Menschen habe ein überweltliches, logisch nicht greifbares, also irrational existierendes Wesen in die Welt eingesetzt und mit spezifischen Sonderrechten und -pflichten begabt. Somit sei er von keinem der niederwertigen Naturgesetze abhängig. Hundehass, Massentierhaltung, und das ganze Artensterben erregt nicht sonderlich die christliche Besorgnis. So schnell ist diese Haltung auch nicht aus der Welt geschafft. Christen allerdings, die sich nur der Nächstenliebe wegen noch so nennen und die Natur längst respektieren, sind heute schon weit in der Überzahl. Intolerant bleiben nur noch fanatische Sekten.

Überholt ist reines Glauben seit den rationalen Vorstößen der griechischen Vorsokratiker, weshalb ja die Kirche die antike Platonakademie verbannte. Sie war - wenngleich verfrüht und daher noch erfolglos - die Grundlegung einer fundamentalen Forschungseinrichtung. Interessanterweise bestätigt heute der damals eingeschlagene Weg das von den indischen Veden geahnte Advaita Vedanta: das Bild von der Einheit aller Dinge im Brahman, sozusagen dem Weltganzen.

Zurück aber zur Urfamilie. Fassen wir es zusammen. Die einstige Familie, die sich in den Tropen während der langen Altsteinzeit auf den kaum veränderlichen ökologischen Druck einstellen konnte, war kein willkürlicher Haufe. Die kompatibel gewordenen Motive bzw. Wünsche regelten, weil sie erfüllt wurden, die Stabilität. Bewusst erfundene Gesetze, die eingriffen, gab es nicht.

Die so skizzierte Altsteinzeit entspricht genau dem goldenen Zeitalter Ovids: „Das erste Zeitalter war das goldene“, schrieb er, „das aus innerem Antrieb, ohne Gesetz und Herrscher Recht und Verlässlichkeit wahrte“.

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Wichtig für den Rückblick ist nun die offiziell bekannte Tatsache, dass die Vorfahren des heutigen Menschen aus dem Süden nach Europa einsickerten. Wahrscheinlich geschah das während der Warmzeit zwischen der vorletzten Eiszeit („Riß“, Ende vor 110000 J.) und der letzten Eiszeit („Würm“, Beginn vor 70000 J.). Die in diesen rund 40000 Jahren mitgebrachte Familiengröße schwankte um die 20 Personen. Vor 70000 Jahren kam dann mit aller Brutalität die Würm-Eiszeit über sie und dauerte bis vor ca.12000 Jahren. Die Grenzen sind entnommen aus Hans Murawski, GEOLOGISCHES WÖRTERBUCH, 1983, Tabelle S. 252, Stand 1980. Frühe Pauschalgrenzen sind sowieso nicht scharf festzulegen. Schon in der Zeit vor dem Punkt 70000 Jahre - gab es bereits immer wieder einzelne getrennte Kälteeinbrüche, die aber nicht die Härte jener ab 70000 erreichten. Daher ist es besser, die 400000 Jahre als Obergrenze zu verstehen.

Unwahrscheinlich ist jedenfalls, dass die Einwanderung, wie oft angegeben, in die strenge Kaltperiode fiel. Warum den warmen Süden mit dem eher lebensfeindlichen Eisland vertauschen? In dem Zusammenhang ein Wort zu den empirischen Befunden der Universität Köln. Die Prähistoriker Schmidt und Zimmermann fanden dort heraus, dass vor ca. 40000 Jahren - mitten in der Eiszeit - höchstens einige tausend Menschen in ganz Europa wohnten. Man lebte, so das Ergebnis, in großen Gruppen bis zu 400. Nichts erinnert da an die Zahl 20.

Die Personenzahl 400 war sicherlich eine sprunghaft schwankende Zahl, nachdem ja das Schulklassenkriterium nur die Zahl 20 fixiert, so dass die komplizierte*) Umprogrammierung des Genoms kaum Schritt halten konnte. Die ungeheuer kleine Gesamtzahl von wenigen tausend in ganz Europa deutet dabei auf ein Massen-Aussterben hin. Der unzureichende Ertrag der Jagd und der mangelhafte Pflanzenwuchs erklärt das. Möglicherweise war bei den Kältegraden die Kindersterblichkeit katastrophal.

Was auffällt: Ausgerechnet in der Würm-Zeit starb der Neandertaler aus. Man rätselt zwar immerfort, warum er verschwand, aber nichts spricht dagegen, dass der sog. Homo sapiens ihn gejagt und verspeist hat. Aus Respekt vor dem Menschen als Ebenbild Gottes ist es unpopulär, seiner Sapientia einen Kannibalismus anzulasten. Kannibalismus wird aber, wo er nicht überhaupt üblich ist, vor dem Verhungern oft zum letzten Ausweg. Man denke an die Expedition von John Franklin in Nordkanada, an die Hungerkrise in der Ukraine (PM(237)), und an die Erfahrungen von James Cook in Neuseeland. Der eiszeitliche „doppelt weise Homo sapiens sapiens“ dürfte weit weniger weise gewesen sein als man es sich ausmalt. Man muss nur unsere heute reichlich verblödete Begeisterung für Mord-Krimis und heldenhafte Schlachten anschauen.

Einige wesentliche Merkmale der Urfamilie werden also noch abzuschätzen sein. Man kann z.B. ein ziemlich sicheres Bild der Geschlechterverteilung in der Urfamilie erkennen. So wie die Scheu der Katze vor dem Wasser, lassen sich, ob offen oder versteckt, beim heutigen Menschen die meisten wesentlichen Motive wiederfinden, die einst die Urfamilie stabilisierten.
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*) Mit der Komplexität des Organischen befassen sich die PM(55), (99), (112), (149) und (150); mit den daraus resultierenden Motiven die PM(68): der KOSMMA.
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Portrait der Platonakademie. Die 1995 von Anton Franz Rüdiger Brück erneuerte Platon-Akademie (PA) versteht sich als Fortsetzung und Abschluss der antiken. Sie versucht, im naturwissenschaftlich widerspruchsfreien Konsens die richtige Antwort auf die von Platon gestellten Fragen nach der Herkunft der Naturgesetze und nach der besten Gesellschaftsform zu finden. Vor allem ist sie als Internet-Akademie aktiv. Sie strebt keinen juristischen Status an (Verein etc.). Die PA wurde 529 von der Kirche aus weltanschaulicher Konkurrenz verboten.
A. Fr. R. Brück, geb. 1938, ist Autor dieser Artikel. Staatsangehörigkeit Deutsch, Humanistisches Gymnasium. Hochschulstudien: Physik, Mathematik, Philosophie, Pädagogik. Ausgeübter Beruf: Bis 2000 Lehrer im Staatsdienst. Zuschriften bitte per Post an: s. Impressum in platonakademie.de


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