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Platonakademie (248): Ein „ARTE -Echo“ / Die ARTE- Sendung „Demokratie unter Druck“ (14.5.2019) beschrieb das Chaos in der Massengesellschaft / Erinnerung am PM(18): Warum jeder Kommunismus zerfallen muss / (Titeländerung am 22.5.2019)

Platon-Akademie, 17. Mai 2019

Soziale Stabilität - im Sinne von Friedlichkeit und Kooperation - ist nach dem Kriterium in PM(247) allgemein nur möglich in einer Gruppe aus höchstens plus/minus 20 Personen. Diesen ungefähren Größenspielraum hatte offenbar die Urfamilie. Er war von den angeborenen Motiven der Mitglieder so gewollt, so dass die Stabilität eine freiwillige war. Sie wurde erst durch das Bevölkerungswachstum, das nach dem Ende der Altsteinzeit vor 12000 Jahren einsetzte, gestört. Mose, der Schlimmes von Sodom und Gomorra gehört hatte und vielleicht der genialste Politiker der Geschichte war, fand den rettenden Ausweg: Große Menschenmassen hält nur noch eine himmlische, allmächtige Autorität in Schach.

Doch sein Rettungsversuch scheiterte - erkennbar an Mord und Totschlag und ewigen Kriegen - weil in Wahrheit die Welt sich in jedem Augenblick vollständig selbst verursacht und ordnet (erklärt in PM(243)), ohne einen Geist von außerhalb. Sie kann daher auch nicht willkürlich vom Menschen beherrscht werden, wie er es gerne hätte (Mose 1.28.).

Die Sendung auf ARTE „Demokratie unter Druck“ war genau aus diesem Grund überfüllt von wetteifernden Meinungen, wie man Demokratie Schafft. Aber jede Partei schlägt andere Wege vor und ist sich darüber auch selbst uneinig. Man verfolgt das täglich, wenn es um Renten, Arbeitsplätze, Kitas, Steuern usw. geht. Das ist typisch für die Unmöglichkeit, in Massengesellschaften den Zustand der Urfamilie einzuführen, den der Römer Ovid treffsicher als das „Goldenes Zeitalter“ beschrieb (wörtliches Zitat nachzulesen in PM(247)).

Kurz fassen lässt sich die Misere so: Der übervermehrte Mensch kann wie jedes Lebewesen nur der Biologie unterworfen sein, sowohl was seinen molekularen Aufbau als auch was sein Verhalten betrifft, seine Motive (PM(68)). Seine Motive erlebt er als Freiheit und hält sie deshalb in Unkenntnis der biologischen Komplexität*) für einen Geist, der mit der Natur nichts zu tun hat. Dass ihm die allein existierende (PM(113)) und daher allein maßgebliche Natur bitter schmeckt, versteht sich. Denn er will sich nicht dem biologischen Menschenbild zuliebe die Sucht abgewöhnen, willkürlich über die Natur und die ganze Erde zu bestimmen. Dem Leser wird deutlich, auf was das Scheitern Moses hinausläuft.

In der Biosphäre gibt es indes tatsächlich Beispiele für stabile Massengesellschaften. Das sind die Insektenstaaten, die natürlich ebenfalls nur aufgrund angeborener Motive stabil sein können. Platon kannte die Insektenstaaten zwar nicht, beschrieb aber gefühlsmäßig in seinem STAAT eine „stabile“ Massengesellschaft aus drei Klassen, sehr ähnlich dem Termiten- oder Ameisenstaat. Davon berichtete schon PM(18). Sein Staatsmodell beruhte auf idealistischen Prinzipien und wurde nie ernst genommen.

Schließlich entwarfen Marx, Engels und Lenin den stabilen Massenstaat nach dem Prinzip der Gleichschaltung aller Individuen - eine richtige Idee, doch ahmt sie auch wieder das Prinzip der Ameisen nach. Da Gleichschaltung dem Menschen nicht angeboren ist, konnte der Kommunismus nur mit Gewalt und für begrenzte Zeit verwirklicht werden, dann brachen die Urmotive des Menschen durch. Die Revolution war nicht aufzuhalten. In Russland scheiterte der menschliche Ameisenstaat nach 70 Jahren, den Chinesen steht das bevor.

Es bleibt die Frage: Ist überhaupt - auch wenn die Menschheit ihr ökologisches Risiko überleben sollte - für ihre Massen eine Theorie der Lösung des Stabilitätsproblems in Sicht?

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Weil unsere angeborenen (privaten) Verhaltensmotive für Massen nicht in Frage kommen, müsste die Lösung des Problems auf Vernunft bauen. Vernunft heißt: Die ständig sich wandelnde Ethik der uns nicht angeborenen, sich geschlechterfrei gebenden menschlichen Massengesellschaft (vgl. die asexuellen Ameisen) muss dem uns angeborenen geschlechterbedingten Ethikkomplex der Privatsphäre Legitimität zugestehen. Es muss eine Trennlinie toleriert werden. (Die angeborene, natürliche, von den beiden Geschlechtern bestimmte Privatethik wurde in PM(247) noch nicht analysiert! Das folgt erst.) Umgekehrt muss der Einzelne begreifen, dass und warum er seinen Individualismus - als Vertretung der Privatethik verstanden - nicht in die Massengesellschaft tragen darf. V.a. darf die Zweigeschlechtlichkeit im soziologischen wie erotischen Sinne nicht auf die Masse übertragen werden. Die zwei teilweise inkompatiblen Ethiken dürfen nicht zum Konflikt führen. Dann erst wird eine Lösung des Stabilitätsproblems unseres Gesellschaftslebens überhaupt sichtbar.

Seit den Griechen Kleisthenes und Solon (6. Jh. v. Chr.) fühlt man in Europa: Die Tolerierung der Privatsphäre durch die Masse ist die Tendenz zur Demokratie.

Bevor man die Geschlechterstruktur der Urfamilie kennt, kann man allerdings schon mal sehen, dass in der Privatsphäre alle Individuen das Wesentliche voneinander wissen. In der Massengesellschaft ist das nicht der Fall und soll nicht der Fall sein. Christliche Geheimnistuerei und Lügerei rund um die natürlichen Geschlechterbeziehungen ist Ethik der Massengesellschaft und hat im Privatkreis keinen Sinn.

Die natürliche Privatsphäre funktioniert insgesamt durchaus so wie das GOLDENE ZEITALTER Ovíds (s. in PM(247)). Es ist bezeichnend, dass Ovid vom Kaiser Augustus, der die Massengesellschaft Roms vertrat, nach Konstanza am Schwarzen Meer verbannt wurde. Ovid hatte ausdrücklich in seinem zweizeiligen Anfangstext den Kaiser nicht zum Goldenen Zeitalter gerechnet. Eine im Grunde scharfe Kritik. Er hat aber auch Platons hohe Achtung vor der Erotik geteilt. Augustus sah in ihm den Ruhestörer des Staates. Und der letzte Leiter der antiken Platonakademie, Damaskios, floh 529 nach Persien, nachdem der byzantinische Kaiser Justinian (Byzanz ist das heutige Istanbul) die Athener Akademie verboten hatte.

Die Lösung besteht also im vernunftbedingten Verzicht auf die Einmischung in private Angelegenheiten. Das ist trotzdem nicht so einfach wie es sich anhört. Es kann sich nur auf das soziale und sexuelle private Geschlechterleben beziehen. Denn bereits der Ökonomie des Staates muss erheblicher Einfluss auf das Privatleben gestattet werden (s. Konsum). Deshalb muss der Individualismus bei der Stabilisierung des Staates mitwirken. Er vertritt dort die Existenz des Privatlebens. Die Masse ist nun einmal groß geworden. Der Zusammenbruch ihres Gefüges (d.i. der Staat) bedeutet immer auch den Zusammenbruch der Privatsphären, aus denen er ja besteht. In PM(63) war schon ausführlich davon die Rede.
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*) Mit der Komplexität des Organischen befassen sich die PM(55), (99), (112), (149) und (150); mit den daraus resultierenden Motiven die PM(68): der KOSMMA.
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Portrait der Platonakademie. Die 1995 von Anton Franz Rüdiger Brück erneuerte Platon-Akademie (PA) versteht sich als Fortsetzung und Abschluss der antiken. Sie versucht, im naturwissenschaftlich widerspruchsfreien Konsens die richtige Antwort auf die von Platon gestellten Fragen nach der Herkunft der Naturgesetze und nach der besten Gesellschaftsform zu finden. Vor allem ist sie als Internet-Akademie aktiv. Sie strebt keinen juristischen Status an (Verein etc.). Die PA wurde 529 von der Kirche aus weltanschaulicher Konkurrenz verboten.
A. Fr. R. Brück, geb. 1938, ist Autor dieser Artikel. Staatsangehörigkeit Deutsch, Humanistisches Gymnasium. Hochschulstudien: Physik, Mathematik, Philosophie, Pädagogik. Ausgeübter Beruf: Bis 2000 Lehrer im Staatsdienst. Zuschriften bitte per Post an: s. Impressum in platonakademie.de


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