Platonakademie (106). Religions-Krisentag in Mannheim / Schon 45 000 Wahrheiten / Scheinchristentum hier, gespielte Toleranz dort / Der Wunsch „Christ“ zu heißen (Korrektur am 21.5.2012 20 Uhr)

Platon-Akademie, 21. Mai 2012

Die Kirche ist nur das ausführende Organ der gottgegebenen Religion. Die großen Krisen der Kirche spiegeln nur den angesichts der Erforschung der realen Welt (der Aufklärung) fortschreitenden Verfall der Religionen wider. Das Christentum mit seiner Gottesfamilie und der Heiligenschar steht dem verwundbaren Polytheismus näher als dem ziemlich unangreifbaren Monotheismus, und es bekam seinen ersten Riß durch die Aufspaltung in Ost- und Westkirche vor tausend Jahren. Die Römische Kirche bemerkte damals hellhörig ein Schwächeln der Lehre, die letztlich nicht ihre war, sondern das Wort ihres Einen und überhaupt einzigen Gottes. Als dann die Türken Konstantinopel belagerten, schickte der Papst keinerlei Hilfe. Die römische Kirche hoffte, dass die Irrlehre im Osten untergehen würde.

Jede Aussage einer „idealen“ theistischen Religion ist das Eine Wort ihres Einen Gottes. Es gibt keine geteilte Wahrheit und nicht mehr als eine Form von Religion. Der dreißigjährige Krieg war ein Krieg um die ungeteilte Wahrheit. Der Kirch-Krisentag in Mannheim war zweifellos ein moderner Tag der anschwellenden Religionskrise. Nur kann oder will das Kirchenvolk nicht zwischen Religion und Kirche unterscheiden.

Toleranzbezeugungen der Kirche gegenüber Religionen mit anderer Wahrheit, sind reine Lippenbekenntnisse. Gegen das „Postulat der Einen Wahrheit“ hilft kein politisches Herumtricksen. Wenn weltweit angeblich schon 45 000 christliche Sekten entstanden sind, zeigt das, dass die Eine Wahrheit nicht gefunden ist und der Eine Gott leider keinen Schiedsspruch fällt oder fällen kann, weil er zu hoch über den Unendlichen Ordnungen von Universen steht (PM(7) u.a.)), oder weil er evtl. gar nicht existiert.

Weil die Naturwissenschaft den X-Wahrheiten-Religionen mit eindeutigen Fakten der Wirklichkeit gegenüber steht, ist anzunehmen, dass das Christentum (wie jede andere Religion) mit der Naturwissenschaft auf einen gemeinsamen Nenner kommen muss. Das Motto „Einen neuen Aufbruch wagen“ des Kirchentages in Mannheim meint wohl diesen Prozess, ohne ihn zu verarbeiten.

Dass gegenwärtig bei uns schon beinahe jeder eine Privatsekte vertritt, scheint die Endphase des (biologisch verständlichen) Religionsverfalls einzuläuten. Die Religion ist nicht tot, aber sie ist am Postulat der ungeteilten Wahrheit irre geworden. Zur ökologischen Einordnung der Giga-Menschheit siehe PM(97). Vgl. auch platonakademie.de „Hörsaal“ VII. Streng genommen gibt es in Deutschland kaum noch echte Christen, solche die das Gotteswort höher bewerten als das der Kirche. Wer z.B. über das Ehesakrament hinwegsieht, oder wer sich nicht laut empört, wenn irgendwo Menschenferne promiskuitiv überbrückt wird, der kann nur noch dem Namen nach ein Christ sein.

Und sich Christ nennen, ist tatsächlich der Hauptwunsch des Kirchenvolkes. Der Wunsch ist für 999 von 1000 auf Äußerlichkeiten gegründet: auf feierlichen Gottesdienst, Gesänge und Orgelspiel, kirchliche Festtage. Was ihr Gott verlangt, interessiert nicht sehr. Begrifflich gesehen muss man aber zur Beibehaltung des Etiketts „ich bin Christ“ ein verbales Kunststück vollbringen, so etwa wie wenn das Auto in Fahrrad oder der Vogel in Flugzeug umgetauft wird. (Vgl. u.a. PM(47), (18), (98)).

Firmenportrait:
Die 1995 erneuerte Platon-Akademie (PA) versteht sich als Fortsetzung und Abschluss der antiken. Es geht ihr aber nicht um die Fortsetzung der spekulativen Philosophie Platons, auch Textkritik ist die Ausnahme. Sie versucht, im naturwissenschaftlich widerspruchsfreien Konsens die richtige Antwort auf die von Platon gestellten Fragen nach der letzten Ursache der Naturgesetze und nach der Gesellschaftsordnung zu finden. Sie wurde 529 von der Kirche geschlossen. Leitung: Anton Franz Rüdiger Brück, geb. 1938, Staatsangeh. Deutsch. Humanistisches Gymnasium. Hochschulstudien: Physik, Mathematik, Pädagogik, Philosophie. Ausgeübter Beruf: Bis 2000 Lehrer im Staatsdienst.
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